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8. Januar 2010

US-amerikanisch-pakistanischer “Diplomatenstreit” eskaliert

von @ 2:08. abgelegt unter Außenpolitik, Pakistan, USA
US-Diplomaten
Typischer US-Diplomat
Copyright 2009 Zeitung via Oraclesyndicate

Sowohl Rupert Murdochs Wall Street Journal als auch die neokonservative New York Times und viele weitere englischsprachige Medien bis hin zur chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua melden gerade in großen Lettern, dass die USA von Pakistan verlangen, mit Belästigungen ihrer “Diplomaten” aufzuhören. DIe deutschen Massenmedien bringen die Meldung noch nicht, aber da sie ihre “Nachrichten” ohnehin zu weiten Teilen von den von der CIA kontrollierten US-Medien abschreiben, wird die Meldung nun sicher auch bald über Deutschland hereinbrechen. Mein Parteibuch möchte die Zeit nutzen, während der die deutschen Qualitätsmedien mit Übersetzen und Abschreiben beschäftigt sind, um schon mal ein paar Auslässungen und Verfälschungen der amerikanischen Propaganda richtig zu stellen.

Bemerkenswert ist in jedem Fall, dass die USA diplomatische Differenzen mit befreundeten Staaten, anstatt sie diskret aufzulösen, über die Massenmedien zu eskalieren versuchen. Pakistan ist für die USA ein wichtiger “Partner” im als globalen Krieg gegen den Terror verkauften Kampf um die Weltherrschaft der USA.

In der Version vom CIA Wall Street Jounal und den angeschlossenen westlichen Medien liest sich die Geschichte des US-amerikanisch-pakistanischen Diplomatenstreits etwa so: pakistanische Behörden und Sicherheitsorgane belästigen US-Diplomaten in Pakistan dadurch, dass sie sie vorübergehend verhaften, ihre Autos durchsuchen und Anträge auf Visaerteilungen in den letzten Wochen systematisch verschleppen. Da US-amerikanischen Diplomaten keine unauffälligen zivilen KFZ-Kennzeichen zugeteilt würden, würden US-Diplomaten selbstverständlich zur Minimierung von Anschlagsrisiken ihre Diplomaten-Fahrzeuge mit irgendwelchen unauffälligen pakistanischen Kennzeichen ausstatten, so wie das bei westlichen Botschaften üblich sei. Durch diese Schikanen hätten die USA nun Schwierigkeiten, ihr auf fünf Jahre angelegtes jährlich 1,5 Mrd Dollar schweres Hilfsprogramm für Pakistan, das für zivile Projekte zur Unterstützung der Zivilregierung gedacht sei, in die Tat umzusetzen. Die 1,5 Mrd Dollar jährlich an die pakistanische Regierung direkt auszahlen, wie die pakistanische Regierung das fordert, wollen die USA nicht, weil das Geld auf diese Weise versickern könne. Hinter der Belästigungskampagne, die Frieden und Aufbau in Pakistan behindere, stecke der pakistanische Geheimdienst ISI, vermutet das Wall Street Journal.

Soweit Rupert Murdochs WallStreet Journal. Die New York Times fügt dazu wenigstens noch in einem Nebensatz bei, dass die US-Botschaft in Islamabad Pläne habe, zur Umsetzung ihres Hilfsprogrammes ihr Personal in Pakistan von 500 auf 800 Personen zu verstärken und erklärt beiläufig, dass der pakistanische Präsident Zardari außerdem von den USA verlange, die Luftangriffe der USA mittels Drohnen auf pakistanisches Gebiet zu stoppen und stattdessen vorschlage, Pakistan die Drohnentechnik zu geben. Im pakistanischen Internet finden sich jedoch Informatonen, die den Hintergrund des Diplomatenstreits ganz anders erscheinen lassen.

Zuerst einmal wird in Pakistan aufmerksam registriert, dass die USA als Diplomaten für Pakistan Mörderbanden der berüchtigten Firma Blackwater anheuern. Die USA und die pakistanische Regierung leugnen zwar, dass Söldner von Blackwater Menschen in Pakistan ermorden, doch spätestens seit dem bekannt wurde, dass beim Anschlag auf die geheime Drohnenbasis im afghanischen Khost zwei Söldner von Blackwater ums Leben kamen, ist die Behauptung als platte Lüge entlarvt.

Doch das Problem der USA in Pakistan ist noch viel tiefergehend. Zahid Malik legte am 07. Dezember im Pakistan Observer ausführlich dar, dass der Chef des ISI, General Ahmad Shuja Pasha, dem CIA-Chef Leon Panetta kürzlich persönlich damit konfrontierte, dass der ISI Beweise dafür habe, dass die USA Warlords und Terrorgruppen in Afghanistan und Pakistan unterstützen würden, um Pakistan zu destabilisieren. Das ist, wo inzwischen jeder weiß, dass die USA in Pakistan einen geheimen Krieg führen und auch öffentlich bekannt ist, welche Rolle Stanley McCrystals JSOC-Terrorbande darin spielt, nicht ganz überraschend, doch für die USA verheerend. In Pakistan sind die USA in der Bevölkerung ohnehin weithin als Hort von Terrorbanden wie Blackwater und JSOC verrufen und jede pakistanische Regierung, die mit den USA gemeine Sache macht, gilt als Bande von Verrätern.

Was stehen bleibt, ist, dass die USA unter Barack Obama versuchen, Pakistan zu betrügen. Sie versprachen eine Kampf an der Seite von Pakistan, doch insgeheim kämpfen sie gegen Pakistan. Schlimmer könnte es für die USA kaum kommen. Da helfen selbst die 1,5 Mrd Dollar Bestechungsgeld jährlich nicht weiter, die die USA sicher bald an die pakistanische Regierung direkt auszahlen werden. Sollten die USA die Forderungen von pakistanischer Regierung und ISI nicht erfüllen, braucht der ISI bloß die von ihm kontrollierten Taliban von der Leine lassen, und schon gibt es keinen amerikanischen Nachschub für die US-Besatzungstruppen in Afghanistan via Pakistan mehr.

Pakistan kann mit Forderungen gegen die USA praktisch ständig und beliebig nachlegen, denn die USA sind völlig abhängig vom Nachschub durch Pakistan. Barack Obama möchte seine Truppen, die er in Afghanistan zur Sicherung der Heroinproduktion braucht, um 30- 40.000 offizielle Soldaten aufstocken. An Versorgungsrouten hat er dafür zu Auswahl: Pakistan, Russland und Iran. Da die USA in Russland und Iran keinen nennenswerten Einfluss ausüben, sind diese Länder für die USA keine Alternative. Die Folge: Dreht Pakistan Barack Obama den Hahn der Versorgungsrouten ab, ist der Opiumkrieg in Afghanistan zu Ende und Pakistan hat gewonnen. Bis dahin jedoch kann Pakistan von den USA fordern, was es will, und die USA müssen jeden Preis bezahlen. Wenn die USA ihren Diplomatenstreit nun über die Massenmedien eskalieren, so lässt vermuten, dass sie gerade erst gemerkt haben, in was für eine Falle sie mit ihrem Krieg in Afghanistan gelaufen sind.

Hätte man das nicht vorher erahnen können? Mal ehrlich, wer kann schon dumm genug sein, um ausgerechnet Afghanistan überfallen zu wollen? Ok, das IASPS ist so dumm, aber die waren auch dumm genug, den Krieg auf den Irak zur Neuordnung des nahen Ostens im Sinne von Israel zu fordern. Bemerkenswert ist, dass Barack Obama dieser zionistisch verbrämten Kriegspolitik immer noch folgt, obwohl sie für die USA nichts als vorhersehbare Desaster mit sich bringt. Der iranische Sender Press TV ist übrigens bescheiden: er berichtet davon, dass fünf Amerikaner festgenommen wurden, weil sie gefälschte Nummernschilder verwendeten, dann aber freigelassen wurden, weil die US-Botschaft erklärte, das seien Diplomaten. Ach ja, und bevor das vergessen wird, wenn US-Marines die algerische Botschaft in Bagdad überfallen, dann ist das natürlich was ganz anderes.

Nachtrag 09.01.10: Die pakistanische Zeitung Dawn meldet gerade, dass sich drei pakistanische Mitarbeiter des US-Konsulats nach wie vor in Polizeigewahrsam befinden, darunter der “stellvertretende Sicherheitsoffizier des Konsulats”, Ghulam Gilani. Die pakistanische Polizei hat ein Verfahren wegen der Verwendung gefälschter Kennzeichen eingeleitet, will wissen, was die Männer da gemacht haben und betont, die Männer seien im heiklen pakistanisch-iranischen Grenzgebiet, in dem die von VoA als “Widerstandskämpfer” bezeichnete Bombenlegerbande “Jundallah” gegen den Iran operiert, unterwegs gewesen, ohne die dafür erforderliche Genehmigung zu besitzen und ohne ihre Reise dem Außenministerium anzuzeigen.

Nachtrag 2 vom 09.01.2010: Die Wunschliste der Pakistaner wird langsam zusammengestellt. Mit der Übergabe der Drohnentechnik an Pakistan und dem Beenden der US-Bombardierungen in Pakistan kommen die USA wohl nicht davon. Pakistans Präsident Asif Ali Zardari nennt mal eine Hausnummer und erklärt, dass der blödsinnige US-Krieg gegen Afghanistan in seinem Land Schäden von 35 Mrd Dollar angerichtet hat. Primierminister Yousuf Raza Gilani erklärt, dass die USA ihr Image in Pakistan verbessern könnten, wenn sie zivile Atomtechnik an Pakistan liefern. Außerdem findet er freien Marktzugang für pakistanische Exporte zum Markt der USA und eine aktive Rolle der USA bei der Lösung des Kashmir-Konfliktes sowie Streitigkeiten mit Indien um Wasser den USA dabei helfen könnten, ihr Image in Pakistan zu verbessern. Obamas unsäglicher “Afghanistan-Sonderbeauftragte” Richard Holbrooke zeigt derweil, dass auch er begriffen hat, wie ausweglos die Situation für die USA in Afghanistan ist. Neocon-Kriegstreiber Josef Joffe zitiert ihn in der Zeit mit den Worten: “Wir kämpfen in Afghanistan, aber der Feind sitzt in Pakistan.” und fährt fort: ‘Und der Ausweg aus dem “mörderischen Dilemma”? Statt eine Antwort zu formulieren, schlägt Holbrooke einen analytischen Haken …’

11 Kommentare zum Beitrag “US-amerikanisch-pakistanischer “Diplomatenstreit” eskaliert”

  1. berti sprach

    Die “kriminellen” Mitarbeiter um Blackwater werden eingechleust, um im Fall der Fälle,
    die pakistanischen Atomwaffen in amerik. Verfügung zu verbringen/zu sichern.
    Hierzu halten sich bereits einige hundert Mitarbeiter bereit…

  2. engola sprach

    Folgendes paßt genau auf die Interpretation:
    Sentaor McCain heute in Islamabad:

    “The United States will continue the “effective” drone attacks in northwest Pakistan’s tribal region near the Afghan border even if it has no agreement with Pakistan, a U.S. senator said here Friday.”
    http://bit.ly/87Y5NC

    Da scheint ein echter Machtkampf zw. US und Pakistan abzugehen:

    “Das Pentagon plane zurzeit keine Bodeneinsätze in Pakistan. „Wenn wir aber uns irgendwann für solch einen Einsatz entscheiden, werden wir die pakistanische Regierung darüber informieren”, so McCain, der eine Delegation der US-Parlamentarier in Islamabad leitete.”
    http://de.rian..../124626094.html

    Solche Aussage ist doch eine Kriegserklärung?

    - Bin gespannt, was demnächst passiert, sollte der ISI “seine von ihm kontrollierten Taliban von der Leine lassen”

  3. Redaktion sprach

    @berti
    Dumm bloß für die paar Hundert Blackwater-Leute, dass die pakistanische Armee 50.000 Mann zum Schutz ihrer Atomwaffen vor möglichen Diebstahlsversuchen durch die USA abgestellt hat.

    @engola
    McCain ist nicht in der Lage, eine Kriegserklärung abzugeben. Der hat die Wahl verloren und ist nicht Präsident. Die USA können auch keinen großen Krieg gegen Pakistan führen, dafür fehlen den USA die Ressourcen. Pakistan ist ein riesiges Land mit 160 Mio Einwohnern.

    Was die USA machen können, und das tun sie, sind kleinere Mordoperationen mit Drohnen, Special Forces und “Irregular Forces”. Das Problem für die USA ist, dass sich der ISI mit solchen Operationen auch bestens auskennt und genau aufpasst, dass die USA dem ISI nicht das Wasser abgraben.

    Und, wie es scheint, sieht sich Zardari nun gezwungen, den ISI beim Kampf gegen die CIA zu unterstützen. Den USA bleibt nichts weiter übrig, als zu versuchen, pakistanische Regierung, Armee und ISI mit vielen Dollars einzukaufen, egal zu welchem Preis. Seitdem US-Freund Musharraf weg ist und in Pakistan die antiamerikanische Demokratiebewegung auf dem Vormarsch ist, ist das jedoch ein sehr teures Unterfangen.

    Was wir hier sehen, dürfte die Begleitmusik zu den Verhandlungen über die Höhe des Schmiergeldes sein.

  4. pandaschnitzel sprach

    Nun ergibt auch diese Meldung vom 27.12. einen Sinn:

    http://www.guar...clear-power-map

  5. Lässt sich Margot Käßmann zur Kriegspartei machen? » mein-parteibuch.com sprach

    […] Widerstandskämpfer gefallenen Soldaten längst eine Nachrichtensperre verhängt haben. Ganz schlecht sieht es für die Besatzungsmächte nun deshalb aus, weil die USA sich obendrein vom […]

  6. Westerwelle für ein Taliban Support Programm » mein-parteibuch.com sprach

    […] Besatzer von Afghanistan sind angesichts des teuren und nicht zu gewinnenden Krieges inzwischen völlig verzweifelt und so kommen nun endlich mal vernünftige […]

  7. Pakistan nennt den Preis » mein-parteibuch.com sprach

    […] Parteibuch hat am 08.01. veröffentlicht, dass die USA im Krieg um die Drogen Afghanistans völlig abhängig von Versorgungsrouten […]

  8. Eingekreiste Einkreiser » mein-parteibuch.com sprach

    […] Obwohl aus irrationalen Motiven gestartet, sind die Folgen der Angriffskriege der Neocons nichtsdestotrotz natürlich ganz real und rational zu erklären. Das gilt nicht nur bezüglich dessen, dass die Kriege der Neocons wie die Kriegspolitik anderer geisteskranker Führer zuvor Millionen von Tote, Verstümmelte und Vertriebene produziert haben, sondern auch bezogen darauf, dass die Kriege der Neocons gravierende Auswirkungen auf die Machtgeometrie der ganzen Welt haben. Wie die Kriege der Neocons ausgegangen sind, ist der interessierten Öffentlichkeit längst bekannt. Der mit Pauken und Trompeten verlorene Angriffskrieg gegen den Irak hat dazu geführt, dass der Iran nun gewaltigen Einfluss im Irak hat und aus dem Irak ein enger Verbündeter des Iran geworden ist. Und bei Afghanistan zeigt es sich inzwischen immer deutlicher, dass dieses zentralasiatische Land als Aufmarschgebiet für die US-Armee in Form eines stationären Flugzeugträgers für die USA völlig ungeeignet ist, da Afghanistan ein Binnenstaat ist, der auf gute Beziehungen zu seinen direkten Nachbarn, also Pakistan, Iran, Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan und China angewiesen ist. Die Idee der Neocons, durch Pakistan hindurch Afghanistan besetzten zu wollen, hat dazu geführt, dass die USA, was ihren Drogenkrieg in Afghanistan angeht, völlig von Pakistan abhängig sind und das Transitland Pakistan den USA die Bedingungen ihres für die USA unverzichtbaren Wohlwollens nach Belieben diktieren kann. […]

  9. Wozu der Times-Square-Qualm gut war » mein-parteibuch.com sprach

    […] halt: probieren kann man es ja mal. Die USA fordern nun, dass die widerspenstigen Pakistanis, die die USA im Sumpf von Afghanistan schwitzen lassen, ihnen plötzlich erlauben, ganz viele […]

  10. Ein paar Anmerkungen zum gerade geleakten Afghanistan-Warlog » mein-parteibuch.com sprach

    […] unterstützen. Auch der Spiegel bringt diese Interpretation der Daten. Pakistan ist jedoch, wie Mein Parteibuch berichtete, der Meinung, die USA würden heimlich Terrorgruppen unterstützen. Diese Art der […]

  11. Pakistan die Schuld in die Schuhe schieben » mein-parteibuch.com sprach

    […] angerichtet haben, trifft sich gut, denn mit Pakistan lagen die USA vor ein paar Monaten noch bitter im Clinch, weil Pakistan dafür, dass die USA in Pakistan ein terroristisches Doppelspiel spielen und […]

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